• Vogel- oder Pflanzenklänge?

    Oft ist es so, dass wir Vögel hören, aber nicht sehen. Oder wir sehen sie, aber sie sind weit weg. Wenn wir dann versuchen, die Vögel zu fotografieren, wird es schwierig. In den Bildern oben waren immer auch Vögel zu hören. Aber selbst die Amsel auf dem dritten Bild in der ersten Reihe, die ja relativ groß ist und gerne von einem erhöhten Sitzplatz aus singt, verschwindet geradezu in der Landschaft. Vogelgesang ist daher oft der Klang einer Landschaft. Mir geht es so, dass wenn ich die Bilder oben sehe, die ich selbst fotografiert habe, genau weiß, dass hier Vögel gesungen haben und wie es sich angehört hat. Manche Vogelbeobachter*innen verwenden sprachliche Bilder von Pflanzen, um Vogelgesang zu beschreiben. Oder sie erzählen davon, wie sich Vogelgesang und Pflanzen gleichzeitig entwickeln. Das ist vor allem im Frühling der Fall, wenn die Zugvögel aus ihren Wintergebieten zurückkehren und ihre Brutgesänge anstimmen und wenn, beispielsweise Bäume und Sträucher erste Knospen bilden. Viele sagen, dass Frühling und Vogelgesang untrennbar zusammengehören. Ein Frühling ohne Vogellieder ist dann gar kein richtiger Frühling. Vielleicht ist deshalb Rachel Carsons Buch „Stummer Frühling“ sofort verständlich als Horrorszenario. Ein stummer Frühling steht für eine tote Natur den Carson als Folge eines fatalen Umgangs mit der Umwelt beschreibt.

  • Erste Vogellautbegriffe bei Ludwig Bechstein

    Erste Vogellautbegriffe bei Ludwig Bechstein

    Viele Vögel singen. In der Vergangenheit wurde viel darüber diskutiert und auch gestritten, was denn Vogelgesang genau ist. Nicht alle Vögel singen gleich, manche geben kurze Laute von sich, andere singen in verschiedenen Mustern. Andere Vögel haben ähnliche Laute wie ihre Artgenossen, andere ahmen den Gesang anderer Vögel oder Laute in ihrer Umgebung nach. Dazu gibt es noch Mischformen. Aussagen über Vogelgesang kann man also gar nicht so pauschal treffen. Man muss erst einmal wissen, über welche Vögel man eigentlich spricht. Und da einige Vögel ihre Laute von ihren Artgenossen lernen, muss man, manchmal auch wissen, von welchem Vogelindividuum man spricht, wenn man bestimmte Laute näher beschreiben möchte.

    „Jede Vogelart hat ihre Art und Weise des Tones, durch dessen Mannichfaltigkeit sich die Vögel gar sehr vor anderen Thieren auszeichnen, indem sie dadurch im Stande sind, sich ihre Leidenschaften und Bedürfnisse, wenn auch nicht alle untereinander, doch als Gattungs- oder wenigstens als Arts-Verwandte zu erkennen zu geben.“

    (Ludwig Bechstein, Naturgeschichte der Haus- und Stubenvögel , 4. Auflage 1840, S. 3)

    Vogelrufe

    Ludwig Bechstein, einer der ersten deutschen Ornithologen, spricht in seiner Naturgeschichte der Hof- und Stubenvögel von Stimme und Gesang der Vögel. Er unterscheidet dabei zwischen Rufen und Gesängen. Rufe sind bei ihm „allgemein verständlich“ und werden beispielsweise zur Warnung vor Feinden ausgestoßen. Bechstein beschreibt, wie ein ganzer Wald nach einem Warnruf eines Vogels verstummen kann. Vielleicht habt ihr auch schon einmal erlebt, dass ihr einen Vogel erschreckt habt, der dann einen Warnruf abgesetzt hat oder ihr habt beobachtet, wie Vögel sich gegenseitig vor einer Katze warnen.

    Rufe können jedoch auch Ausdruck von Freude sein. Bechstein weist eigens darauf hin, dass diese Rufe der Freude ansteckend sein können. Wer zum Beispiel im Herbst oder im Winter an einer Hecke vorbeigeht, könne hören, wie die darin sitzenden Vögel sich gemeinsam durch „gemeinschaftliches Geschrei“ vergnügen. Ist euch das, was Bechstein beschreibt, auch schon einmal aufgefallen? In Frankfurt kann man auf der Fressgass mitten in der Innenstadt hören, dass viele Spatzen in den Bäumen sich schwatzend die Zeit vertreiben. Bechstein würde hier sagen, dass hier gemeinschaftliches Wohlgefallen erklingt.

    Locktöne und Gesang

    Nicht alle Vögel können in Bechsteins Systematik einen Gesang hervorbringen. Gesang dient dazu, „nicht nur dem eigenen, sondern auch dem anderen Geschlecht seine Begierden“ deutlich zu machen. Gesang besteht nach Bechstein aus mehreren „melodischen Strophen“. Vögel die einzelne Töne singen, äußern sogenannte Locktöne, keinen Gesang.

    Locktöne und Gesang verbindet Bechstein mit Emotionen. Während manche Vögel ihre Töne immer auf dieselbe Weise hervorbringen, so Bechstein, haben andere verschiedene Töne zu verschiedenen Gelegenheiten, wie beispielsweise der Fink. Bechstein schreibt dessen Locktöne lautmalerisch in lateinischer Buchstabenschrift auf: Die Töne des Finken werden dabei unter anderem mit „Fink!“ wiedergegeben. Nebenbei: Diese Art der Verschriftlichung in Buchstaben ist bis in die 1940er Jahre ornithologischer Standard und findet sich heute noch in vielen Vogelführern.

    Locktöne des Finken (Bechstein)

    Fink! Fink“ (einzeln) = Freude

    Fink! Fink! Fink! (hastig) = Zorn

    Trief! Trief! = Zärtlichkeit, Traurigkeit

    Jack! Jack! = Auf Wanderung

    Die Trennung zwischen Rufen und Gesang ist bei Bechstein nicht ganz trennscharf. Auf der einen Seite sind Rufe für Bechstein Töne, die eine bestimmte Signalwirkung haben. Gesang hingegen ist Gefühlsausdruck oder genauer, der Ausdruck von Zuneigung bzw. „Liebe“ und „Wohlgefallen“. Auf der anderen Seite lässt sich Freude auch durch einzelne Töne bzw. Rufe ausdrücken.

    „Der sogenannte Gesang der Vögel ist immer, wo nicht Ausdruck der Liebe, doch wenigstens des Wohlbefindens“

    (Bechstein, Naturgeschichte der Hof- und Stubenvögel, S. 4)

    Vogelgesang ist bei Bechstein eine besondere Form der Lautäußerung von Vögeln. Manche Vögel singen vor allem im Frühjahr während der Begattungs- und Brutzeit. Andere singen das ganze Jahr hindurch. Bechstein beschreibt auch, wie Vögel auf Grundlage des Gesanges entscheiden, mit wem sie eine Verbindung eingehen möchten. Insbesondere Vogelweibchen haben bei Bechstein einen besonders ausgeprägten Sinn für schönen Vogelgesang.

    „So sucht sich immer das munterste Canarienvogelweibchen auch den besten Sänger, und die Finkin in der Freiheit unter hundert Finken denjenigen aus, dessen Schlag ihr am besten gefällt“

    (aus: Bechstein, Naturgeschichte der Hof- und Stubenvögel, S. 4)

    Mit dem „Schlag“ (hier des Finken) meint Bechstein übrigens eine besondere Form des Gesanges. Denn, vielleicht ahnt ihr es schon, Gesang ist nicht Gesang.

    Natürlicher und künstlicher Gesang

    Der natürliche Gesang ist bei Bechstein der Gesang, der nur von einer bestimmten Vogelart verwendet wird. Der künstliche Gesang hingegen wird von den Vögeln erlernt, unter anderem auch von anderen Vögeln. Es gibt auch Mischformen zwischen dem, was Bechstein als natürlichen und künstlichen Gesang bezeichnet. Im Garten meiner Eltern habe ich einmal Hühnergackern gehört und mehrfach (!) das Piepen des Autoschlüssels der Nachbarn – dachte ich zumindest. In Wirklichkeit waren das Elemente des Gesanges eines Stars, der im Baum saß und offensichtlich „künstlichen Gesang“ hören ließ.

    Schlagen und Singen

    Während sich die Unterscheidung von natürlichen und künstlichen Gesänge auf den Ursprung der Vogellaute bezieht greift Bechstein mit den Kategorien von Schlagen und Singen eine Möglichkeit der Einteilung von Vogelgesang nach formalen Merkmalen auf. Vogelgesang als Schlag sind Strophen oder Töne, die immer auf dieselbe Weise kombiniert werden und dadurch als Form erkennbar sind. Nachtigallengesang ist ein gutes Beispiel für einen Vogelschlag. Hier sind (oft sehr viele) klar voneinander abgesetzte Strophen zu hören. Bechstein hat den Schlag einer Nachtigall sogar aufgeschrieben.


    „Tiuu tiuu tiuu tiuu,
    spe tiu squa,
    –           –          
    tio tio tio tio tio tio tio tix
    quitio quitio quitio quitio,
    –           –           –
    zquo zquo zquo zquo
    tzü tzü tzü tzü ztü tzü tzü tzü tzü tzi,
    quorror tiu zqua pipiqi.
    Zozozozozozozozozozozozo Zirrhading!
    Tsisisi tsisisisisisisisi,
    Zorre zorre zorre zorre hi;
    Tzatn tzatn tzatn tzatn tzatn tzatn tzatn zi,
    Dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo
    Quio tr rrrrrrrr itz.
    Lü lü lü lü ly ly ly ly li li li li
    Quio didl li lülyli
    Ha gürr gürr quipio!
    Qui qui qui qui  qi qi qi qi gi  gi gi gi;
    Gollgollgollgoll gia hadadoi.
    Quigi horr ha diadiadillsi!
    Quia quia quia quia quia quia quia quia ti:
    Hezezezezezezezezezezezezezezezeze quarrhozehoi;
    Qi qi qi  io io io ioioio qi –
    Lü ly li le lä la lö lo didl io quia,
    Higaigaigaigaigaigaigai gaigaigaigai Quior ziozio pi“

    Aber auch beim Fink kann man einen Finkenschlag hören.

    Verschiedene Schläge des Buchfinken in Thüringen (Bechstein)


    Der Harzer-Doppelschlag
    Der Reitzug / Reiterzug
    Der Reithahn
    Der Waidmann
    Der Weingesang
    Der scharfe Weingesang
    Der Bräuigam
    Der Doppelschlag
    Das Gutjahr
    Das Kienöhl / Quakia
    Das Parakikah
    Das Pithia / Trewethia
    Das Schwarzgebühr

    Vögel singen hingegen, schlagen also nicht, wenn ihr Gesang ohne eine bestimmte „Zeitfolge“ zu hören ist. Bechstein schreibt dann auch vom zwitschernden oder zirpenden Gesang. Als Beispiel führt der den Gesang des Rotkehlchens an.

    Pfeifen, Zwitschern, Zirpen

    Das Pfeifen bezeichnet eine besondere Artikulationsform, durch die die Töne „flötenartig“ klingen. Es pfeift beispielsweise der Hänfling. Mit Zwitschern und zirpen bezeichnet Bechstein (noch) verschwommene, unklare Töne, die er besonders bei Jungvögeln zu hören meint. Bevor die Vögel ihre Lieder pfeifen, befinden sie sich in einer Phase des Lernens, in der das Singorgan durch „Übungen der Kehle“, d. h. durch Zwitschern und Zirpen, geschmeidig gemacht wird. Übung macht hier den Meister: Je mehr ein Vogel trainiert, desto besser wird der Gesang.

  • Jede*r ist seines Glückes Schmied

    Jede*r ist seines Glückes Schmied

    Wenn man sich anstrengt, kann man alles erreichen. Mit diesem Narrativ bin ich als Kind der 1990er-Jahre aufgewachsen.
    Hartz-4, Reality-TV und Casting-Shows: wer sich anstrengt, wir nachher besser dastehen als vorher. Wer bei Popstars, DSDS und im Dschungelcamp dranbleibt und tut, was von Jurys und Coachen verlangt wird, der wird nachher erfolgreich sein. Schuldnerberater, Super Nanny und Hunde-Profi zeigen, dass es für alles eine Lösung gibt. (Selbst-)Optimierung, Weiterentwicklung, das geht immer.


    Viele glauben heute noch, dass die Welt unendliches Wachstum bereithält – auf individueller und auch auf wirtschaftlicher Ebene. In der Vorstellung des geschmiedeten Glücks liegt ja bereits das Bild des Metalls, wer weiter gehen möchte, vielleicht auch das Bild des Edelmetalls, des Goldes.


    Ich finde, dass das Sprichwort gefährlich ist, weil es suggeriert, dass jede oder jeder Einzelne alles selbst in der Hand hat. Und das stimmt so nicht. Wir sind niemals erfolgreich, ohne dass andere uns unterstützen. Andersherum sind Misserfolg und Scheitern oft nicht die Quittung für fehlende Anstrengungen – manchmal passiert es einfach. Pech gehabt. Das ist schon deshalb so, weil manche Menschen durch ihre Familie, ihren Besitz, ihr Geschlecht, ihre Hautfarbe, ihre Heimat oder ihre Muttersprache mehr Möglichkeiten haben als andere.
    Jeder ist seines Glückes Schmied – die Vorstellung der unbegrenzten Möglichkeiten – sorgt darüber hinaus noch dafür, dass die Welt noch ungerechter wird. Immer mehr spüren wir insbesondere durch den Klimawandel, dass wir umdenken müssen. Wir brauchen ein neues Selbstverständnis. Wir sind keine Schmiedinnen und Schmiede, die ihr Leben und optimalerweise Glück für sich gestalten. Wir sind vielmehr Teil einer Welt, in der alles miteinander verbunden ist – auch in Unternehmen. Dinge ändern sich nicht, nur weil wir als Einzelne etwas tun oder uns anstrengen. Dinge ändern sich, wenn wir uns gemeinschaftlich in Bewegung setzen, wenn wir voneinander affiziert sind, wenn wir resonieren. Weil wir immer Teil sind, und nicht Ganzes, müssen wir uns auf andere einstellen, den, die oder das Andere anerkennen, in echte Beziehung treten und danach handeln. Damit gewinnt man vielleicht keinen Wettbewerb, aber dafür haben alle etwas davon und damit auch wir selbst.

  • Woran erkennt man den Frühling?

    Woran erkennt man den Frühling?

    Ich bin in Baden-Württemberg aufgewachsen und nach diesen wunderschönen Sonnentagen denke ich oft an ein Gedicht der Schwäbischen Romantik aus meiner Kindheit und Schulzeit, vielleicht ist sie euch ja auch bekannt?

    Er ist’s

    Frühling läßt sein blaues Band
    Wieder flattern durch die Lüfte
    Süße, wohlbekannte Düfte
    Streifen ahnungsvoll das Land

    Veilchen träumen schon,
    Wollen balde kommen
    Horch, von fern ein leiser Harfenton!

    Frühling, ja du bist's!
    Dich hab ich vernommen!

    Das dichtet Eduard Mörike – und niemand weiß, wie viele Mörike-Schulen es in Württemberg, im Stuttgarter Raum, wo Mörike gelebt hat, gibt, auf jeden Fall viele – im Jahr 1829. Und das Gedicht beschreibt uns einen personifizierten Frühling, der mit den Farben spielt, der ein blaues Band wehen lässt, und blau ist ja auch eine Farbe der Romantik, die blaue Blume kennt ihr vielleicht. Wir sehen hier aber erst einmal die Bewegung des blauen Bandes, das selbst schon durch die zwei Bs klingt, und wir können uns darüber hinaus vorstellen wie es durch die Lüfte flattert, mit so einem Rauschen, wie ein Windspiel. Wir hören im Gedicht dazu einen gleichmäßigen Rhythmus, wir hören die Reime, die harmonisch ineinander fallen, sich umarmen, das Band und Land umschließen Lüfte und Düfte. Und wir hören viele Üs in Frühling, Lüfte und süßen Düften. Und wir wissen, spätestens ab Strophe zwei: das ist nur der Anfang: die Veilchen, die zumindest ich mir auch blau vorstelle, werden auch sehr süß riechen, haben die Augen oder Blütenkelche noch geschlossen, denn sie träumen, aber sie wollen demnächst kommen, aufwachen, sich entfalten. Den Wecker hören wir schon: noch als leisen Harfenton, von fern, aber das lyrische Ich hat es erkannt: Er ist’s – der Titel des Gedichts, und in Strophe drei folgt dann die Ansprache: Frühling, ja du bist’s. Dich hab ich vernommen. Der Frühling wurde erkannt durch den Klang. Dich hab ich vernommen sagt das lyrische Ich.

    Den Frühling erkennt man im Gedicht am Klang. Und dieser Klang ist ein explizit musikalischer, schließlich identifiziert ihn das lyrische Ich als Harfenton. Es ist hier also ein durch ein Musikinstrument erzeugter Klang, der den Frühling hörbar macht. Der Harfenton auch metaphorisch lesbar als Verweis auf eine ursprüngliche, alte Musik. Abbildungen von Harfeninstrumenten sind so beispielsweise auf antiken Vasen erhalten. Und an den Saiten der Harfe lassen sich musikalische Proportionen leicht ablesen. Der griechische Gelehrte Aristoxenos hat am Monochord – einem einsaitigen Instrument – die musikalischen Verhältnisse der Intervalle (z. B. Oktave, Quinte, Quarte, Terz, Septime) nachgewiesen.

    Gleichzeitig beruht die Metapher auf eine musikalische Praxis der Romantik. Zur Zeit des Mörikes wurden sogenannte Äolsharfen verwendet, um musikalische Klänge durch Windbewegungen, nicht durch das Anschlagen der Saiten mit der Hand (und ggf. Plektrum), zu erzeugen. Die Äolsharfe, so die Vorstellung, erzeugt dann Schwingungen, welche die musikalische Ordnung (nach griechisch-antiker Vorstellung) hörbar macht und zwar in einem natürlichen, durch Wind erzeugten Rhythmus. Die poetische Darstellung der Akustik des Frühlings im Gedicht ist damit philosophisch und (musik-)theoretisch fundiert.

    An „Er ist’s“ zeigt sich so auch der Unterschied von romantischer und realistischer Lyrik, denn wir lesen hier von einer poetischen Abstraktion einer Frühlingserfahrung. Der Frühling, das Erwachen der Natur, ist zwar mit den Sinnen erlebbar, mit den Augen, mit der Nase, mit den Ohren. Und gleichzeitig wird der Frühling durch metaphorische Bilder erzeugt. Frühling ist also eine ästhetische Erfahrung.

    Das Inventar entspricht dabei wenig dem, was an Natur zu erwarten wäre. So sind die Veilchen, die einzigen Lebewesen, die im Gedicht genannt werden, jedoch momentan abwesend sind, da sie erst „balde“ kommen werden. Von Vögeln und ihrem Gesang ist keine Rede. Dennoch kann insbesondere Strophe eins durch das Verb „flattern“ als angedeutete Flugbewegung und das im Land umherstreifen in Vers vier als Parallele zu (Zug-)Vögeln verstanden werden.

  • Was es auf diesem Blog zu entdecken gibt

    Was es auf diesem Blog zu entdecken gibt

    Der Begriff erscheint als Überschrift eines Gedichtbands von Nicolaus Baer aus dem Jahr 1695. Darin sind Gedichte in deutscher und lateinischer Sprache enthalten – alle handeln von Vögeln. Menschliche Sprache und die Laute der Vögel gehen ineinander über in Rhythmus und Wort- bzw. Klangmalereien. Ornithophonia setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern ornis/ornithos (Vogel) und phone (Ton, Klang, Stimme, Sprache) zusammen. Damit ist auch schon das Spannungsfeld beschrieben, das sich bei der Auseinandersetzung mit Vogelgesang ergibt, nämlich die Frage, was da eigentlich genau zu hören ist. Was sind die Klänge der Vögel? Musik oder Sprache – oder beides? Und was bedeuten sie? Allein aus biologischer Perspektive lässt sich diese Frage nicht beantworten, weil der Bezugspunkt, die Beschreibung des Gehörten, ästhetische Aspekte berührt. Mich interessiert, wie Menschen Vögel hören. In meiner Doktorarbeit habe ich einige Beispiele in deutscher Sprache aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert untersucht: Gedichte und Vokalmusik und ornithologische Schriften. Und es ist spannend zu sehen, wie Menschen aus verschiedenen Perspektiven die Ornithophonia wahrnehmen, beschreiben, sprachlich und musikalisch nachbilden und erzeugen. Man kann daraus auch lernen, wie sich Beziehungen zu Vögeln darstellen und ich denke, man kann dadurch auch zeigen, welche Voraussetzungen mit einer bestimmten Annäherung an die Ornithophonia zusammenhängen. Menschen haben seit jeher eine besondere Verbindung zu Vögeln und ihrem Gesang. Ich freue mich, wenn auch du Interesse hast und wir gemeinsam eintauchen in die wirklich große Masse an menschlichen Auseinandersetzungen mit der Ornithophonia.

    Ein blühender Magnolienbaum, in dem, fast unsichtbar, Vögel sitzen.