• Vogel oder Pflanzenklänge?

    Oft ist es so, dass wir Vögel hören, aber nicht sehen. Oder wir sehen sie, aber sie sind weit weg. Wenn wir dann versuchen, die Vögel zu fotografieren, wird es schwierig. In den Bildern oben waren immer auch Vögel zu hören. Aber selbst die Amsel auf dem dritten Bild in der ersten Reihe, die ja relativ groß ist und gerne von einem erhöhten Sitzplatz aus singt, verschwindet geradezu in der Landschaft. Vogelgesang ist daher oft der Klang einer Landschaft. Mir geht es so, dass wenn ich die Bilder oben sehe, die ich selbst fotografiert habe, genau weiß, dass hier Vögel gesungen haben und wie es sich angehört hat.

  • Woran erkennt man den Frühling?

    Woran erkennt man den Frühling?

    Ich bin in Baden-Württemberg aufgewachsen und nach diesen wunderschönen Sonnentagen denke ich oft an ein Gedicht der Schwäbischen Romantik aus meiner Kindheit und Schulzeit, vielleicht ist sie euch ja auch bekannt?

    Er ist’s

    Frühling läßt sein blaues Band
    Wieder flattern durch die Lüfte
    Süße, wohlbekannte Düfte
    Streifen ahnungsvoll das Land

    Veilchen träumen schon,
    Wollen balde kommen
    Horch, von fern ein leiser Harfenton!

    Frühling, ja du bist’s!
    Dich hab ich vernommen!

    Das dichtet Eduard Mörike – und niemand weiß, wie viele Mörike-Schulen es in Württemberg, im Stuttgarter Raum, wo Mörike gelebt hat, gibt, auf jeden Fall viele – im Jahr 1829. Und das Gedicht beschreibt uns einen personifizierten Frühling, der mit den Farben spielt, der ein blaues Band wehen lässt, und blau ist ja auch eine Farbe der Romantik, die blaue Blume kennt ihr vielleicht. Wir sehen hier aber erst einmal die Bewegung des blauen Bandes, das selbst schon durch die zwei Bs klingt, und wir können uns darüber hinaus vorstellen wie es durch die Lüfte flattert, mit so einem Rauschen, wie ein Windspiel. Wir hören im Gedicht dazu einen gleichmäßigen Rhythmus, wir hören die Reime, die harmonisch ineinander fallen, sich umarmen, das Band und Land umschließen Lüfte und Düfte. Und wir hören viele Üs in Frühling, Lüfte und süßen Düften. Und wir wissen, spätestens ab Strophe zwei: das ist nur der Anfang: die Veilchen, die zumindest ich mir auch blau vorstelle, werden auch sehr süß riechen, haben die Augen oder Blütenkelche noch geschlossen, denn sie träumen, aber sie wollen demnächst kommen, aufwachen, sich entfalten. Den Wecker hören wir schon: noch als leisen Harfenton, von fern, aber das lyrische Ich hat es erkannt: Er ist’s – der Titel des Gedichts, und in Strophe drei folgt dann die Ansprache: Frühling, ja du bist’s. Dich hab ich vernommen. Der Frühling wurde erkannt durch den Klang. Dich hab ich vernommen sagt das lyrische Ich.

    Den Frühling erkennt man im Gedicht am Klang. Und dieser Klang ist ein explizit musikalischer, schließlich identifiziert ihn das lyrische Ich als Harfenton. Es ist hier also ein durch ein Musikinstrument erzeugter Klang, der den Frühling hörbar macht. Der Harfenton auch metaphorisch lesbar als Verweis auf eine ursprüngliche, alte Musik. Abbildungen von Harfeninstrumenten sind so beispielsweise auf antiken Vasen erhalten. Und an den Saiten der Harfe lassen sich musikalische Proportionen leicht ablesen. Der griechische Gelehrte Aristoxenos hat am Monochord – einem einsaitigen Instrument – die musikalischen Verhältnisse der Intervalle (z. B. Oktave, Quinte, Quarte, Terz, Septime) nachgewiesen.

    Gleichzeitig beruht die Metapher auf eine musikalische Praxis der Romantik. Zur Zeit des Mörikes wurden sogenannte Äolsharfen verwendet, um musikalische Klänge durch Windbewegungen, nicht durch das Anschlagen der Saiten mit der Hand (und ggf. Plektrum), zu erzeugen. Die Äolsharfe, so die Vorstellung, erzeugt dann Schwingungen, welche die musikalische Ordnung (nach griechisch-antiker Vorstellung) hörbar macht und zwar in einem natürlichen, durch Wind erzeugten Rhythmus. Die poetische Darstellung der Akustik des Frühlings im Gedicht ist damit philosophisch und (musik-)theoretisch fundiert.

    An „Er ist’s“ zeigt sich so auch der Unterschied von romantischer und realistischer Lyrik, denn wir lesen hier von einer poetischen Abstraktion einer Frühlingserfahrung. Der Frühling, das Erwachen der Natur, ist zwar mit den Sinnen erlebbar, mit den Augen, mit der Nase, mit den Ohren. Und gleichzeitig wird der Frühling durch metaphorische Bilder erzeugt. Frühling ist also eine ästhetische Erfahrung.

    Das Inventar entspricht dabei wenig dem, was an Natur zu erwarten wäre. So sind die Veilchen, die einzigen Lebewesen, die im Gedicht genannt werden, jedoch momentan abwesend sind, da sie erst „balde“ kommen werden. Von Vögeln und ihrem Gesang ist keine Rede. Dennoch kann insbesondere Strophe eins durch das Verb „flattern“ als angedeutete Flugbewegung und das im Land umherstreifen in Vers vier als Parallele zu (Zug-)Vögeln verstanden werden.