Ich bin in Baden-Württemberg aufgewachsen und nach diesen wunderschönen Sonnentagen denke ich oft an ein Gedicht der Schwäbischen Romantik aus meiner Kindheit und Schulzeit, vielleicht ist sie euch ja auch bekannt?
Er ist’s
Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!
Das dichtet Eduard Mörike – und niemand weiß, wie viele Mörike-Schulen es in Württemberg, im Stuttgarter Raum, wo Mörike gelebt hat, gibt, auf jeden Fall viele – im Jahr 1829. Und das Gedicht beschreibt uns einen personifizierten Frühling, der mit den Farben spielt, der ein blaues Band wehen lässt, und blau ist ja auch eine Farbe der Romantik, die blaue Blume kennt ihr vielleicht. Wir sehen hier aber erst einmal die Bewegung des blauen Bandes, das selbst schon durch die zwei Bs klingt, und wir können uns darüber hinaus vorstellen wie es durch die Lüfte flattert, mit so einem Rauschen, wie ein Windspiel. Wir hören im Gedicht dazu einen gleichmäßigen Rhythmus, wir hören die Reime, die harmonisch ineinander fallen, sich umarmen, das Band und Land umschließen Lüfte und Düfte. Und wir hören viele Üs in Frühling, Lüfte und süßen Düften. Und wir wissen, spätestens ab Strophe zwei: das ist nur der Anfang: die Veilchen, die zumindest ich mir auch blau vorstelle, werden auch sehr süß riechen, haben die Augen oder Blütenkelche noch geschlossen, denn sie träumen, aber sie wollen demnächst kommen, aufwachen, sich entfalten. Den Wecker hören wir schon: noch als leisen Harfenton, von fern, aber das lyrische Ich hat es erkannt: Er ist’s – der Titel des Gedichts, und in Strophe drei folgt dann die Ansprache: Frühling, ja du bist’s. Dich hab ich vernommen. Der Frühling wurde erkannt durch den Klang. Dich hab ich vernommen sagt das lyrische Ich.
Der Frühling, das Erwachen der Natur, ist also mit allen Sinnen erlebbar, mit den Augen, mit der Nase, mit den Ohren, wir können ihn spüren. Und wir sind gerade alle mittendrin. Ob wir morgens die Vögel singen hören, ob die süßen Düfte zu Heuschnupfen führen, ob wieder mehr Menschen draußen sind, ob wir die vielen Knospen an den Bäumen und Blumen sehen, erste Hummeln und Bienen summen hören.
