„Jeder ist seines Glückes Schmied“ – wenn man sich anstrengt, kann man alles erreichen. Mit diesem Narrativ bin ich als Kind der 1990er-Jahre aufgewachsen.
Hartz-4, Reality-TV und Casting-Shows: wer sich anstrengt, wir nachher besser dastehen als vorher. Wer bei Popstars, DSDS und im Dschungelcamp dranbleibt und tut, was von Jurys und Coachen verlangt wird, der wird nachher erfolgreich sein. Schuldnerberater, Super Nanny und Hunde-Profi zeigen, dass es für alles eine Lösung gibt. (Selbst-)Optimierung, Weiterentwicklung, das geht immer.
Viele glauben heute noch, dass die Welt unendliches Wachstum bereithält – auf individueller und auch auf wirtschaftlicher Ebene. In der Vorstellung des geschmiedeten Glücks liegt ja bereits das Bild des Metalls, wer weiter gehen möchte, vielleicht auch das Bild des Edelmetalls, des Goldes.
Ich finde, dass das Sprichwort gefährlich ist, weil es suggeriert, dass jede oder jeder Einzelne alles selbst in der Hand hat. Und das stimmt so nicht. Wir sind niemals erfolgreich, ohne dass andere uns unterstützen. Andersherum sind Misserfolg und Scheitern oft nicht die Quittung für fehlende Anstrengungen – manchmal passiert es einfach. Pech gehabt. Das ist schon deshalb so, weil manche Menschen durch ihre Familie, ihren Besitz, ihr Geschlecht, ihre Hautfarbe, ihre Heimat oder ihre Muttersprache mehr Möglichkeiten haben als andere.
Jeder ist seines Glückes Schmied – die Vorstellung der unbegrenzten Möglichkeiten – sorgt darüber hinaus noch dafür, dass die Welt noch ungerechter wird. Immer mehr spüren wir insbesondere durch den Klimawandel, dass wir umdenken müssen. Wir brauchen ein neues Selbstverständnis. Wir sind keine Schmiedinnen und Schmiede, die ihr Leben und optimalerweise Glück für sich gestalten. Wir sind vielmehr Teil einer Welt, in der alles miteinander verbunden ist – auch in Unternehmen. Dinge ändern sich nicht, nur weil wir als Einzelne etwas tun oder uns anstrengen. Dinge ändern sich, wenn wir uns gemeinschaftlich in Bewegung setzen, wenn wir voneinander affiziert sind, wenn wir resonieren. Weil wir immer Teil sind, und nicht Ganzes, müssen wir uns auf andere einstellen, den, die oder das Andere anerkennen, in echte Beziehung treten und danach handeln. Damit gewinnt man vielleicht keinen Wettbewerb, aber dafür haben alle etwas davon und damit auch wir selbst.
