Erste Vogellautbegriffe bei Ludwig Bechstein

„Jede Vogelart hat ihre Art und Weise des Tones, durch dessen Mannichfaltigkeit isch die Vögel gar sehr vor anderen Thieren auszeichnen, indem sie dadurch im Stande sind, sich ihre Leidenschaften und Bedürfnisse, wenn auch nicht alle untereinander, doch als Gattungs- oder wenigstens als Arts-Verwandte zu erkennen zu geben.“

(aus: Ludwig Bechstein, Naturgeschichte der Haus- und Stubenvögel 4. Auflage 1840, S. 3)

Viele Vögel singen. In der Vergangenheit wurde viel darüber diskutiert und auch gestritten, was denn Vogelgesang genau ist. Nicht alle Vögel singen gleich, manche geben kurze Laute von sich, andere singen in verschiedenen Mustern. Andere Vögel haben ähnliche Laute wie ihre Artgenossen, andere ahmen den Gesang anderer Vögel oder Laute in ihrer Umgebung nach. Dazu gibt es noch Mischformen. Aussagen über Vogelgesang kann man also gar nicht so pauschal treffen. Man muss erst einmal wissen, über welche Vögel man eigentlich spricht. Und da einige Vögel ihre Laute von ihren Artgenossen lernen, muss man, manchmal auch wissen, von welchem Vogelindividuum man spricht, wenn man bestimmte Laute näher beschreiben möchte.

Vogelrufe

Ludwig Bechstein, einer der ersten deutschen Ornithologen, spricht in seiner Naturgeschichte der Hof- und Stubenvögel von Stimme und Gesang der Vögel. Er unterscheidet dabei zwischen Rufen und Gesängen. Rufe sind bei ihm „allgemein verständlich“ und werden beispielsweise zur Warnung vor Feinden ausgestoßen. Bechstein beschreibt, wie ein ganzer Wald nach einem Warnruf eines Vogels verstummen kann. Vielleicht habt ihr auch schon einmal erlebt, dass ihr einen Vogel erschreckt habt, der dann einen Warnruf abgesetzt hat oder ihr habt beobachtet, wie Vögel sich gegenseitig vor einer Katze warnen.

Rufe können jedoch auch Ausdruck von Freude sein. Bechstein weist eigens darauf hin, dass diese Rufe der Freude ansteckend sein können. Wer zum Beispiel im Herbst oder im Winter an einer Hecke vorbeigeht, könne hören, wie die darin sitzenden Vögel sich gemeinsam durch „gemeinschaftliches Geschrei“ vergnügen. Ist euch das, was Bechstein beschreibt, auch schon einmal aufgefallen? In Frankfurt kann man auf der Fressgass mitten in der Innenstadt hören, dass viele Spatzen in den Bäumen sich schwatzend die Zeit vertreiben. Bechstein würde hier sagen, dass hier gemeinschaftliches Wohlgefallen erklingt.

Locktöne und Gesang

Nicht alle Vögel können in Bechsteins Systematik einen Gesang hervorbringen. Gesang dient dazu, „nicht nur dem eigenen, sondern auch dem anderen Geschlecht seine Begierden“ deutlich zu machen. Gesang besteht nach Bechstein aus mehreren „melodischen Strophen“. Vögel die einzelne Töne singen, äußern sogenannte Locktöne, keinen Gesang.

Locktöne und Gesang verbindet Bechstein mit Emotionen. Während manche Vögel ihre Töne immer auf dieselbe Weise hervorbringen, so Bechstein, haben andere verschiedene Töne zu verschiedenen Gelegenheiten, wie beispielsweise der Fink. Bechstein schreibt dessen Locktöne lautmalerisch in lateinischer Buchstabenschrift auf: Die Töne des Finken werden dabei unter anderem mit „Fink!“ wiedergegeben. Nebenbei: Diese Art der Verschriftlichung in Buchstaben ist bis in die 1940er Jahre ornithologischer Standard und findet sich heute noch in vielen Vogelführern.

Locktöne des Finken (Bechstein)

Fink! Fink“ (einzeln) = Freude

Fink! Fink! Fink! (hastig) = Zorn

Trief! Trief! = Zärtlichkeit, Traurigkeit

Jack! Jack! = Auf Wanderung

Die Trennung zwischen Rufen und Gesang ist bei Bechstein nicht ganz trennscharf. Auf der einen Seite sind Rufe für Bechstein Töne, die eine bestimmte Signalwirkung haben. Gesang hingegen ist Gefühlsausdruck oder genauer, der Ausdruck von Zuneigung bzw. „Liebe“ und „Wohlgefallen“. Auf der anderen Seite lässt sich Freude auch durch einzelne Töne bzw. Rufe ausdrücken.

„Der sogenannte Gesang der Vögel ist immer, wo nicht Ausdruck der Liebe, doch wenigstens des Wohlbefindens“

(aus: Bechstein, Naturgeschichte der Hof- und Stubenvögel, S. 4)

Vogelgesang ist bei Bechstein eine besondere Form der Lautäußerung von Vögeln. Manche Vögel singen vor allem im Frühjahr während der Begattungs- und Brutzeit. Andere singen das ganze Jahr hindurch. Bechstein beschreibt auch, wie Vögel auf Grundlage des Gesanges entscheiden, mit wem sie eine Verbindung eingehen möchten. Insbesondere Vogelweibchen haben bei Bechstein einen besonders ausgeprägten Sinn für schönen Vogelgesang.

„So sucht sich immer das munterste Canarienvogelweibchen auch den besten Sänger, und die Finkin in der Freiheit unter hundert Finken denjenigen aus, dessen Schlag ihr am besten gefällt“

(aus: Bechstein, Naturgeschichte der Hof- und Stubenvögel, S. 4)

Mit dem „Schlag“ (hier des Finken) meint Bechstein übrigens eine besondere Form des Gesanges. Denn, vielleicht ahnt ihr es schon, Gesang ist nicht Gesang.

Natürlicher und künstlicher Gesang

Der natürliche Gesang ist bei Bechstein der Gesang, der nur von einer bestimmten Vogelart verwendet wird. Der künstliche Gesang hingegen wird von den Vögeln erlernt, unter anderem auch von anderen Vögeln. Es gibt auch Mischformen zwischen dem, was Bechstein als natürlichen und künstlichen Gesang bezeichnet. Im Garten meiner Eltern habe ich einmal Hühnergackern gehört und mehrfach (!) das Piepen des Autoschlüssels der Nachbarn – dachte ich zumindest. In Wirklichkeit waren das Elemente des Gesanges eines Stars, der im Baum saß und offensichtlich „künstlichen Gesang“ hören ließ.

Schlagen und Singen

Während sich die Unterscheidung von natürlichen und künstlichen Gesänge auf den Ursprung der Vogellaute bezieht greift Bechstein mit den Kategorien von Schlagen und Singen eine Möglichkeit der Einteilung von Vogelgesang nach formalen Merkmalen auf. Vogelgesang als Schlag sind Strophen oder Töne, die immer auf dieselbe Weise kombiniert werden und dadurch als Form erkennbar sind. Nachtigallengesang ist ein gutes Beispiel für einen Vogelschlag. Hier sind (oft sehr viele) klar voneinander abgesetzte Strophen zu hören. Bechstein hat den Schlag einer Nachtigall sogar aufgeschrieben. Aber auch beim Fink kann man einen Finkenschlag hören.

Verschiedene Schläge des Buchfinken in Thüringen (Bechstein)

Der Harzer-Doppelschlag

Der Reitzug / Reiterzug

Der Reithahn

Der Waidmann

Der Weingesang

Der scharfe Weingesang

Der Bräuigam

Der Doppelschlag

Das Gutjahr

Das Kienöhl / Quakia

Das Parakikah

Das Pithia / Trewethia

Das Schwarzgebühr

Nachtigallenschlag (Bechstein)

Tiuu tiuu tiuu tiuu,

spe tiu squa,

–           –          

tio tio tio tio tio tio tio tix

quitio quitio quitio quitio,

–           –           –

zquo zquo zquo zquo

tzü tzü tzü tzü ztü tzü tzü tzü tzü tzi,

quorror tiu zqua pipiqi.

Zozozozozozozozozozozozo Zirrhading!

Tsisisi tsisisisisisisisi,

Zorre zorre zorre zorre hi;

Tzatn tzatn tzatn tzatn tzatn tzatn tzatn zi,

Dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo dlo

Quio tr rrrrrrrr itz.

Lü lü lü lü ly ly ly ly li li li li

Quio didl li lülyli

Ha gürr gürr quipio!

Qui qui qui qui  qi qi qi qi gi  gi gi gi;

Gollgollgollgoll gia hadadoi.

Quigi horr ha diadiadillsi!

Quia quia quia quia quia quia quia quia ti:

Hezezezezezezezezezezezezezezezeze quarrhozehoi;

Qi qi qi  io io io ioioio qi –

Lü ly li le lä la lö lo didl io quia,

Higaigaigaigaigaigaigai gaigaigaigai Quior ziozio pi

Vögel singen hingegen, schlagen also nicht, wenn ihr Gesang ohne eine bestimmte „Zeitfolge“ zu hören ist. Bechstein schreibt dann auch vom zwitschernden oder zirpenden Gesang. Als Beispiel führt der den Gesang des Rotkehlchens an.

Pfeifen, Zwitschern, Zirpen

Das Pfeifen bezeichnet eine besondere Artikulationsform, durch die die Töne „flötenartig“ klingen. Es pfeift beispielsweise der Hänfling. Mit Zwitschern und zirpen bezeichnet Bechstein (noch) verschwommene, unklare Töne, die er besonders bei Jungvögeln zu hören meint. Bevor die Vögel ihre Lieder pfeifen, befinden sie sich in einer Phase des Lernens, in der das Singorgan durch „Übungen der Kehle“,, d. h. durch Zwitschern und Zirpen, geschmeidig gemacht wird. Übung macht hier den Meister: Je mehr ein Vogel trainiert, desto besser wird der Gesang. Kommt euch das irgendwie bekannt vor?

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